Der Hermès-Erbe, der Gärtner und ein Pakt von 2002
Gerichtsunterlagen zeigen, dass LVMH 2002 vereinbarte, Hermès-Aktien von der Gründerfamilie zu kaufen. Nicolas Puech sagt, sein Anteil, heute rund 10 Milliarden Dollar wert, sei verschwunden. LVMH erklärt, man habe nie versucht, ihn zu übernehmen.

Große Familienvermögen gehen meist erst über einige Generationen verloren. Nicolas Puech sagt, seines sei innerhalb einer einzigen verschwunden – und er habe es jahrelang nicht bemerkt. Im März 2024 bezifferte Forbes das Vermögen des Hermès-Erben auf 15,6 Milliarden Dollar.
Ein Jahr später strich das Magazin ihn ganz von seiner Milliardärsliste, nachdem Puech erklärt hatte, sein Vermögen habe sich faktisch in Luft aufgelöst.
Die Geschichte hatte schon immer die Zutaten eines Simenon-Romans: ein unverheirateter Achtzigjähriger in einem Schweizer Bergdorf, ein Vertrauensberater, ein früherer Gärtner, den er als Erben adoptieren wollte, und das begehrteste Aktienpaket der französischen Luxusbranche. Am 17. September kam etwas hinzu, das Anwälten mehr nützt als Atmosphäre.
An diesem Tag bekannt gewordene Gerichtsunterlagen zeigen, dass LVMH im November 2002 eine Vereinbarung unterzeichnete, Millionen Hermès-Aktien von Puech und anderen Mitgliedern der Gründerfamilie zu kaufen.
Das ist wichtig, weil LVMH im Juni vor Gericht erklärt hatte: „Der Konzern hat nie erwogen, die Beteiligung von Nicolas Puech zu erwerben, geschweige denn gegen seinen Willen.“ Die beiden Aussagen widersprechen sich nicht zwingend.
Eine Kaufvereinbarung ist noch kein Kauf, und LVMH teilte 2017 einem Schweizer Gericht mit, die Vereinbarung von 2002 sei „nie umgesetzt worden“. Puechs Anwälte dürften aus dem Abstand zwischen beidem dennoch einiges machen.
Der Pakt
Laut den Unterlagen unterzeichneten die Vereinbarung von 2002 Pierre Godé, damals langjähriger Vertrauter Bernard Arnaults, und Eric Freymond, ein Genfer Vermögensverwalter, der Puechs Angelegenheiten jahrzehntelang führte. Die Käufe sollten beginnen, sobald Jean-Louis Dumas, der langjährige Hermès-Chef, abgetreten war.
Er ging 2006 in den Ruhestand.
LVMH und die Holding der Familie Arnault zahlten Freymonds Firma zwischen 2001 und 2009 mindestens 20 Millionen Dollar an Provisionen und Honoraren – in jenen Jahren, in denen LVMH still und leise seine Hermès-Position aufbaute. Im Oktober 2010 überraschte LVMH die Familie Hermès mit der Offenlegung einer Beteiligung von etwa 17 Prozent.
Später wuchs sie auf rund 23 Prozent, bis LVMH die Aktien nach einem Vergleich 2014 an die eigenen Aktionäre ausschüttete und sich zurückzog.
Hermès reagierte, indem die Familie ihre Anteile in einer abgeschotteten Holding bündelte, damit kein Außenstehender das Manöver je wiederholen konnte. Puech, ein Nachfahre von Thierry Hermès in fünfter Generation, blieb außerhalb dieser Struktur.
Als er 2014 den Aufsichtsrat verließ, wurden ihm noch mehr als 5 Prozent des Unternehmens zugeschrieben.
Die fehlenden sechs Prozent
Puech sagt, er habe 2022 erfahren, dass seine Aktien, rund 6 Prozent von Hermès, verschwunden seien. Zu heutigen Kursen wäre das Paket etwa 10 Milliarden Dollar wert; seine Klage in Frankreich gegen LVMH, Arnault und mit Freymond verbundene Gesellschaften fordert 14 Milliarden Euro Schadensersatz.
Im Juli 2024 lehnte ein Schweizer Gericht es ab, Freymond haftbar zu machen: Puech habe seinem Berater „blind vertraut“ und das Mandat jederzeit widerrufen können. Freymond starb im Juli 2025.
Für alle, die das Geld sehr reicher Menschen verwalten, ist diese Formulierung der unbequeme Teil. Superreiche Familien delegieren oft gerade deshalb, weil sie keine Depotauszüge lesen wollen. Ein Vermögen, das aus einem einzigen berühmten Aktienpaket besteht, vermittelt Sicherheit – und lässt sich, wie sich zeigt, erstaunlich leicht aus den Augen verlieren.
Katar betritt die Bühne
Der Fall hat eine zweite Front in Washington. Im Februar 2025 wurde ein Kaufvertrag über 6.082.615 Hermès-Aktien unterzeichnet, rund 5,8 Prozent des Unternehmens, bewertet mit 14 Milliarden Euro. Käufer war Honor America Capital, ein von der katarischen Herrscherfamilie gestütztes Vehikel, dessen Finanzierung Emir Tamim bin Hamad Al Thani absicherte.
Der Abschluss war für den 3. März 2025 geplant. Am 19. März kündigte Puechs Anwalt den Vertrag.
Honor America klagt vor einem Bundesgericht im District of Columbia auf Lieferung der Aktien oder 1,3 Milliarden Dollar Schadensersatz. Puechs Anwälte erklären, er habe „keine Rolle bei dem geplanten Verkauf gespielt und erst aus der Presse davon erfahren“.
Was eine naheliegende Frage aufwirft, die das Verfahren noch nicht beantwortet hat: Wie unterschreibt man einen Vertrag über den Verkauf von Aktien, die man nach eigener Aussage gar nicht mehr besitzt?
Und der Gärtner
Das Detail, das die Geschichte berühmt machte – der im Dezember 2023 bekannt gewordene Plan, einen früheren Gärtner zu adoptieren und ihm einen Teil des Nachlasses zu vermachen –, ist inzwischen ihr wertlosester Teil. Ein Erbe ist so viel wert wie der Nachlass. Wenn Puech recht hat, besteht der Nachlass aus einer Klage.
Für Arnault kommt das zur Unzeit: Die LVMH-Aktie hat in diesem Jahr mehr als ein Drittel verloren, und er ist aus den Top Ten der Reichsten der Welt gefallen. Einen Prozess um Vorgänge aus den frühen 2000er-Jahren übersteht LVMH ohne große Mühe.
Vermeiden möchte der Konzern lieber eine neue Runde von Enthüllungen darüber, wie genau er in den Besitz von fast einem Viertel seines meistbewunderten Rivalen kam. Zu der Vereinbarung von 2002 und den Zahlungen an Freymond wollte sich ein LVMH-Sprecher nicht äußern.
Quellen
- LVMH signed a secret 2002 pact to buy Hermès heir’s shares (17 Sep 2026)
- The Fashion Law: the Qatari deal and the €14bn that disappeared
- Wikipedia: Nicolas Puech
- Caproasia: LVMH denies agreement to buy Puech’s shares (24 Sep 2026)
Titelbild: Polymagou, Wikimedia Commons, CC BY 4.0. Zugeschnitten.
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